Essay
Vom langsamen Lesen
Manche Bücher wollen nicht verschlungen werden. Über das Vergnügen, mit dem Finger auf der Zeile zu lesen.
Es gibt Texte, die man nicht überfliegt. Sie verlangen Zeit und geben sie zurück, Zeile um Zeile. Wer schnell liest, kommt an — wer langsam liest, kommt an etwas vorbei: an einem Wort, das man nachschlägt, an einem Satz, der an etwas erinnert, an einer Pause, in der man aus dem Fenster schaut.
Langsam lesen heisst nicht, schlecht zu lesen. Es heisst, dem Text zu erlauben, auf einen einzuwirken. Ein Gedicht liest man ohnehin zweimal; bei einem Roman vergisst man, dass auch er aus Sätzen besteht, die jemand gewogen hat.
Drei kleine Gewohnheiten
Mit einem Bleistift lesen und an den Rand schreiben, was einem auffällt.
Nach jedem Kapitel einen Satz notieren: Was ist geschehen, was ist geblieben?
Einen Absatz, der gefällt, laut lesen — erst dann hört man, wie er gebaut ist.
Wer schnell liest, kommt an. Wer langsam liest, kommt an etwas vorbei.
Das alles klingt nach Schule. Ist es nicht. Es ist eher wie Spazieren statt Rennen: Man kommt nicht weniger weit, nur woanders an.
Und vielleicht ist das der eigentliche Gewinn. In einer Zeit, die auf Tempo gebaut ist, ist ein langsam gelesenes Buch ein kleiner Raum, in dem die Uhr nicht zählt.
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